"DIE HAND GOTTES"
aus: zitty 14/2005, S. 94, Berlin
Mi., 22. Juni 2005
anlässlich der Ausstellung "bilderglauben"
Matthias Beckmann, Daniel Ben-Hur, Mira Bergmüller, Peter Freitag,
Maya Schweizer, Dietrich Walther, Frauke Wilken
10. Juni bis 16. Juli 2005
Galerie Nord - Kunstverein Tiergarten, Berlin
Galerie Nord: Bilderglauben - eine Ausstellung über Religion,
Identität und Jetztzeit
Text: Ronald Berg
Die Ansammlung geschnitzter Heiligenfiguren scheint vor allem junge Türken
anzuziehen. Durch die große Fensterfront gut sichtbar lockt sie
die Passanten an. Andächtig um einen TV-Monitor versammelt, sieht
es fast so aus, als würden die zwei Dutzend kleinen Holzfiguren den
Aussagen ihrer Schöpferin lauschen. Die Künstlerin und praktizierende
Heiligenscnnitzerin Mira Bergmüller berichtet in ihrem Video vom
täglichen Umgang mit den Figuren, die durch ihre Hand Gestalt gewinnen:
Der profane Broterwerb und das Heilige erzeugt für sie eine Kluft,
die sie nicht unberührt lässt.
Bildunterschrift:
Die kornmen einem doch irgendwie bekannt vor:
Künstler Peter Freitag und seine Brüder, frei nach Albrecht
Dürers Gemälde Vier Apostel von 1526 aus der Alten Pinakothek
in München
Interesse zu wecken und mittels Kunst ein Zusammentreffen von unterschiedlichen
Identitäten zu ermöglichen, das ist genau das, was Ralf F. Hartmann,
Kurator der Ausstellung und künstlerischer Leiter der Galerie Nord
bezweckt. Und sein Konzept geht offenbar auf. Bilderglauben ist bereits
die vierte Schau der Reihe meeting identities. Die ersten drei Ausstellungen
hießen Geschlecht, Arbeit, Generationen und Nationalität. Alles
Themen, die sich hier in Moabit unmittelbar vor Hartmanns Galerietür
abspielen, wo Arbeitslosigkeit, die große muslimische Gemeinde sowie
generell eine Überalterung der Bevölkerung die Lage kennzeichnen.
Dass Hartmann seit Oktober 2004 zum künstlerischer Leiter der Galerie
berufen wurde, hat auch viel damit zu tun, dass er diese Situation mit
seinem Programm direkt abbilden wollte. Mit der alten Galerie Nord, einst
im ersten Stock des Hauses versteckt, hat Hartmanns neues Konzept nichts
mehr zu tun. Kunst im Kiez heißt nun nicht mehr, lokalen Künstlern
die Möglichkeit zur Ausstellung zu verschaffen. Nicht dass Hartmanns
Künstlerliste nur arrivierte Namen beinhaltete, im Gegenteil: Viele
darunter sind noch relativ jung und unbekannt. Für Qualität
im Kuratorischen sorgt speziell Hartmanns klare Handschrift. Denn wer
das ansässige Publikum erreichen will, darf nicht zu hermetisch oder
theorielastig auftreten. Und klare Aussagen bedeuten nicht zwangsläufig
Banalität. Dem 42-jährigen Hartmann kommt dabei seine langjährige
Erfahrung als Ausstellungsmacher, Kunsthistoriker und Publizist zugute.
Dass die Galerie Nord alles selbstverständlich mit minimalen finanziellen
Aufwand zu bewerkstelligen hat, ist schon eine Kunst für sich. Aber
es geht, nicht zuletzt weil Hartmann als Honorarkraft arbeitet. Die Beamtenmentalität
der Kunstämter von früher ist passé. Zudem wird demnächst
ein bislang noch in Gründung begriffener Kunstverein Tiergarten als
Unterstützer der Galerie tätig werden, wobei der Bezirk Mitte
weiterhin die Grundfinanzierung sichern soll.
Bei Bilderglauben zeigen sieben Künstler auf den 350 Quadratmeter
in der ehemaligen Jugendbibliothek ihre Vorstellung vom Umgang mit Glauben,
Religion und Bilderkult. Hartmanns Leitfrage lautete: "Welche Funktion
hat die Kunst im Kontext des Religiösen?" Reagieren Künstler
auf so was meist lieber mit Gegenfragen, liefern sie hier vielleicht auch
ein paar konkrete Antworten. So findet sich in den flächig, fast
wie im Comic ausgeführten Gemälden von Dietrich Walther eine
Haltung der Kontemplation, die sonst tatsächlich nur in der religiösen
Andacht vorkommt. Bei Walther jedoch sind es intime Gesten der Hand oder
der Genuss eines Bades mit geschlossenen Augen, in denen sich das religiöse
Motiv ins Profane überträgt.
Oder Matthias Beckmanns Strichzeichnungen von Innenräumen von Kirchen.
Die sakrale Sphäre der Heiligenstatuen vermischt sich dort mit dem
prosaischen Arrangement von allerlei Sitzgelegenheiten. Sicher geht es
Beckmann dabei um dieSpielarten von barocken oder auch romanischen Linien,
aber seine Zeichnungen sagen auch grundsätzlich etwas darüber
aus, wie die christlichen Kirche das allgemeine ästhetische Empfinden
prägt. Von diesen Prägungen handelt auch Peter Freitag, wenn
er sich und seine Brüder mittels Fotocollage frei nach Dürers
berühmten Bildern aus der Alten Pinakothek in München als "Evangelisten"
porträtiert. Wenn schließlich der Israeli Daniel Ben-Hur in
seinen Malaktionen mit verbundenen Augen die hebräische und lateinische
Schrift auf den eigenen Körper aufträgt, dann wird die Rolle
der kulturellen Muster innerhalb des Religiösen ganz offenbar.
Das Religiöse als Teil des kulturellen Milieus, an dem die Bilder
einen großen Anteil haben, weist weit über das Sakrale hinaus.
Bei den Jugendlichen, die sich die Nasen an den Galeriefenstern platt
drücken, funktioniert das "meeting identities" jedenfalls.
Die Kunst ermöglicht ein Widerspiel des Eigenen mit dem Fremden.
Nicht allein das Eigene schaut einen hier zuweilen ziemlich fremd an,
auch das Fremde wird vertrauter.
Bis 16.7., Galerie Nord/Kunstverein Tiergarten, Turmstraße 75.
Di-Sa 14 - 19 Uhr
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